Hammer und Sichel? Schmetterlingsnetz und Korkenzieher!

Das Land der Schweden mit der Lupe untersuchend: Fredrik Sjöberg erweist sich in seinen Essays als Meister der Technik, im Kleinen das Große zu erkennen

Fredrik Sjöberg ist ein seltenes Exemplar. Ein naturwissenschaftlicher Geist im Körper eines Schriftstellers – oder umgekehrt. Studierter Geologe, Biologe, Schwebfliegensammler, Übersetzer, Literaturkritiker. Als preisgekrönter Essayist nistet er in jenem Randbereich zwischen Fiktion und Nichtfiktion, den Montaigne der Gattung zuwies, als er vor fünfhundert Jahren behauptete, mit den „Essais“ ein ehrliches Buch geschrieben zu haben. Ist Sjöberg ehrlich? Und was heißt das überhaupt? Ein Essayist, davon ist er überzeugt, sollte niemals seine eigene Begeisterung für ein Thema mit der des Lesers verwechseln, denn der sei bedingungslos nur an „Geld, Sex und den Unzulänglichkeiten von persönlichen Bekannten“ interessiert. Umso erstaunlicher, mit welcher Hingabe er sich – zumal für deutsche Leser – fernen Themen widmet. Ein Dutzend Kostproben aus zwei 2008 und 2012 im Original erschienenen Bänden sind jetzt verfügbar; es geht darin um Heroen der Biologie und Botanik wie Darwin, Alfred Russel Wallace, Carl von Linné, aber auch um einen hierzulande wenig bekannter Forscher wie Sven Ingemar Ljungh, einen Schüler Linnés. Der beschrieb etwa die Vorzüge des Eisfangs – wie man mitten im Winter bei einsetzendem Tauwetter Unmengen von Insekten in halbgefrorenem Zustand von Eisoberflächen sammelt.

Um Sammeln ist es Sjöberg beinahe immer zu tun, weil er selbst betroffen ist: „Mir ist ein ausgeprägter Hang zu Neidgefühlen eigen. Kenner der Psychopathologie sagen, dass gewisse, besonders begehrenswerte Gegenstände wie Fetische funktionieren, magische Objekte, mit denen der Besitzer seine Depressionen heilen kann.“ Dazu gehört in Sjöbergs Fall eine Fotografie Strindbergs, die der Dramatiker 1886 mit Selbstauslöser machte, den Kopf in seinen Händen auf den Schreibtisch gelegt. Ein Fetisch wird daraus, weil das Bild über dem Schreibtisch des Dichters Bengt Lidforss hing, den Sjöberg bewundert: Vor allem, weil er so vieles in einem war, und dabei immer mutig: Botaniker, Sozialist, Gottesleugner (im Vergleich mit ihm wirke Richard Dawkins „wie ein entlaufener Messdiener“), Zeitungsmann, Literaturkritiker sowie Vordenker der Naturschutzbewegung. Unser Umgang mit der Natur, das ist ein Thema, auf das Sjöberg immer wieder zu sprechen kommt. Geboren 1958 und aufgewachsen im südschwedischen Småland, hat er sowohl die Jahrzehnte des Raubbaus in seiner Heimat als auch die „cholerischen Pessimisten“ der Naturschutzbewegung miterlebt und kennengelernt. Illusionen sind für ihn von gestern, heute keimt allenfalls seine Hoffnung, in Zeiten des Tourismus könnten sich die Dinge zum Besseren wenden. Die romantische Naturbetrachtung sei in der schwedischen Malerei und Dichtung ein überaus starkes Motiv geblieben, deswegen ist Sjöberg überzeugt, der Blickwinkel der Politik müsse sich von der Ökologie zur Ästhetik verschieben: „Die Naturschönheit braucht nicht wiederentdeckt zu werden, sie muss nur wieder gesellschaftsfähig werden.“ Im Jahr 2009/2010 war Sjöberg auf Einladung des Freistaats Bayern ein Jahr Stipendiat in der Villa Concordia in Bamberg. Er hat dieses Geschenk genutzt. Im Auftaktstück „Bing!“ heftet er sich im fränkischen Wiesenttal auf die Spuren von Wackenroder und Tieck, in der Binghöhle nahe Streitberg findet er ein Echo auf den gleichnamigen Bing-Vergaser seiner ersten Mofas,
erzählt nebenher ein Kapitel deutscher Industriegeschichte und bringt auf vierzehn Seiten auch noch Stolpersteine, Bruce Chatwin und die Erfindung des Teddybären unter. In solchen kompakten Stücken ist Sjöberg ganz auf der Höhe seiner Kunst, in anderen botanisiert er als Lokalhistoriker ausschweifend in den Wäldern und Bibliotheken seiner Heimat. Die Technik, radikale Gedankensprünge mit Sprechblasen der Sorte („Ich fürchte, das gehört nicht hierher“, „Tja“, „Glauben Sie mir“) zu markieren, wirkt gelegentlich aufgesetzt. Das letzte Stück widmet der Autor seiner Trauer nach dem Tod des Vaters, eines Ingenieurs und Fotografen, den er als Erwachsener als seinen besten Freund erlebte. Er folgt ihm nach Rothenburg ob der Tauber, von wo aus Sjöbergs Vater im Juli 1950 seinem Vater einen Brief schrieb, wissend, dass der Aquarelle des bekannten Märchen-Illustrators John Bauer besaß, die Ansichten von Klingentor und Strafturm zeigten. So schließt er für drei Generationen ganz leise und einfühlsam einen Kreis. Als Leser ist man beglückt, dieses Kunststück miterleben zu dürfen. – Hannes Hintermeier

© F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main, Freitag den 01.07.2016